Erik Spiekermann: Warum soziales Engagement die Kreativwirtschaft bereichert

Veröffentlicht am: 09.01.2017 | Geschrieben von: Anne-Sophie Pahl, Tobias Oertel

Wir haben uns mit dem bekannten Gestalter und unserem ersten Beiratsmitglied Erik Spiekermann getroffen und über soziales Engagement und den Nachwuchs der Kreativszene gesprochen.

© Norman Posselt

Herr Spiekermann, auf youvo engagieren sich viele junge Kreative, die gerade am Anfang ihres beruflichen Lebenswegs stehen. Wie und von wem wurde ihre Karriere gefördert?

Also zuerst ist das Wort Karriere vollkommen unangebracht. Das hört sich so nach Planung an, finde ich. Ich habe nie irgendwie überlegt, ich müsste jetzt das studieren oder das Diplom machen. Das Wort Karriere benutze ich nicht.
Gefördert – als ich in den siebziger Jahren anfing mich für das Entwerfen von Schriften zu interessieren, haben mich die Leute, die ich um Rat gefragt habe, alle unglaublich toll behandelt.
Das war noch vor Email, also hat man noch Briefe geschrieben oder sich irgendwo getroffen. Der Adrian Frutiger, ein damals schon bekannter und erfolgreicher Schriftentwerfer, hat mir dermaßen viel Rat gegeben. Vor allem wenn ich bedenke, dass er mit mir kleinem Achtundzwanzigjährigen viel Zeit verbracht hat um meine dusseligen Fragen zu beantworten.
Ich habe von Leuten, die das gleiche machten, aber schon zwanzig Jahre früher, also schon was waren in dem Beruf, viel gelernt. Die haben unheimlich viel Geduld mit mir gehabt und meine, wie ich heute weiß, ziemlich naiven Fragen beantwortet. Die haben mich wahnsinnig gefördert, also ohne mir Geld zu geben. Wenn ich von jemanden mal einen Spruch für ein Vorwort haben wollte, dann bekam ich das gleich zurück am nächsten Tag. Wahrscheinlich wäre das heute nicht mehr möglich, weil die Branche so groß geworden ist. Die kleine Szene die es damals gab, in die ich irgendwie reingerutscht bin, die hat sich untereinander wahnsinnig geholfen.

Über youvo kann man an ernstzunehmende Projekte kommen, auch an Projekte mit Bedeutung. Das finde ich eine wahnsinnig tolle Chance.

Wie muss sich denn die Kreativ-Branche verändern, damit sie weiterhin die besten Talente anziehen kann?

Habe ich noch nicht drüber nachgedacht, ehrlich gesagt.
Vielleicht etwas genereller. Das gilt für alle: Etwas offener und lockerer sein. Ich habe immer Kollegen als Kollegen gesehen, nie als Konkurrenten. Natürlich sind wir alle Konkurrenten. Ich meine, alle Menschen sind Konkurrenten um die bisschen Atemluft, die es gibt. Aber wenn man das so sieht dann kommt man überhaupt nicht weiter. Ich finde wir haben viel mehr gemeinsam, als uns trennt. Das sollte die Branche einfach lernen, die Gemeinsamkeiten stärker betonen und weniger denken, dass wir uns alle um den gleichen Kuchen balgen. Der Kuchen kann noch viel größer werden, eben auch in der Richtung, in die ihr mit youvo geht. Wir könnten viel mehr leisten, für viel mehr Leute. Da müssen wir gar keine Angst um Konkurrenz haben.

Erik Spiekermann und youvo in der Druckwerkstatt p98a

Welcher Mehrwert entsteht Ihrer Meinung nach für die Kreativen und die Nonprofits bei youvo?

Einmal ist es natürlich so, dass wir permanent ein schlechtes Gewissen haben, dass wir mit unserer Arbeit das merkwürdige System des Spätkapitalismus aufrechterhalten oder sogar noch weiterbilden. Würd ich für Daimler-Benz arbeiten, die Panzermotoren herstellen? Ganz schwierig. Es gibt keine Guten und Schlechten. Alle sind Teil eines Systems. Aber mit sozialem Engagement können wir unser schlechtes Gewissen beruhigen. In gewisser Weise ist das ein Ablasszettel – man macht da was Gutes und kann sich dem Schlechten dann etwas befreiter widmen, das muss man ganz ehrlich zugeben. Aber es gibt ja auch eine ganze Menge Aktivitäten die wir als Gesellschaft nötig haben, die dem allgemeinen Guten dienen. Warum sollten wir die nicht genauso unterstützen wie die kommerziellen Auftraggeber? Die haben es ja auch verdient. Viel mehr sogar: diese gemeinnützigen Initiativen brauchen unsere Arbeit oft wesentlich mehr als ein Markenprodukt. Deshalb ist es viel wichtiger, dass wir uns da engagieren.

Gemeinnützige Initiativen brauchen unsere Arbeit oft wesentlich mehr als ein Markenprodukt. Deshalb ist es viel wichtiger, dass wir uns da engagieren.

Wie kann youvo Ihrer Meinung nach den Nachwuchs fördern?

Indem youvo jungen Talenten die Gelegenheit gibt, an Projekten mitzuarbeiten, die normalerweise den Profis vorbehalten sind. Denn jung heißt ja nicht dumm. Aber es fehlt eben dem Nachwuchs bzw. den jüngeren Leuten an ernsten Projekten, weil die immer nur an den Kleinkram rankommen, weil sie sich erst hochdienen müssen mit Briefbogengestaltung. Aber über youvo kann man an ernstzunehmende Projekte kommen, auch an Projekte mit Bedeutung. Das finde ich eine wahnsinnig tolle Chance. Mir ist es lieber, der Nachwuchs arbeitet an solchen Sachen und lernt dabei was als in einer eigenen kleinen Agentur an irgendwelchen Pitches mitzuarbeiten und sich ausbeuten zu lassen. Da arbeitet man auch eine Woche und gibt jede Menge Geld aus und dann kann man das am Ende wegschmeißen. Dann lieber für eine gute Sache wo man nicht im Wettbewerb ist. Und da hat man ja auch ein Projekt am Ende, da steht nachher im Portfolio: „Ich habe ein Projekt gemacht.“, nicht nur „Ich habe an einem Wettbewerb teilgenommen und bin rausgeflogen.“ So kann man an Projekten arbeiten, die man sonst nicht kriegen würde, also auch in einem ganz normalen kommerziellen Interesse ist das sinnvoll: man baut sich ein Portfolio auf.

Ganz vielen Dank für das interessante Interview und den Einblick in Ihre Erfahrungen!

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